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Der längste Tag des Jahres

Andrea Dechant
Die kürzeste Nacht bzw. der längste Tag des Jah­res stellt einen Wen­depunkt im Jah­res­kreis dar. Viele Kulturen haben diese Zeit des Jahres als etwas Magisches verstanden. Der Sommer beginnt gerade, die glutheißen Ta­ge des Juli und August liegen noch vor uns, jetzt ruhen wir für einen Augenblick zwischen Aussaat und Ernte. Eine gute Zeit, für einen Mo­ment inne halten zu halten, die Wärme zu genießen und die Fülle, die die Natur jetzt bie­tet, zu feiern.
Und doch ge­schieht es ge­nau jetzt, in die­sen Stun­den, dass wir be­reits Ab­schied neh­men. Ganz un­merk­lich, aber ste­tig hat die Son­ne ih­ren höch­sten Stand er­reicht und schleicht sich ab jetzt wie­der aus den Tagen davon. Man kann es ja kaum glauben, aber mit Som­mer­beginn am 21. Juni wer­den die Tage wie­der kürzer und die Nächte län­ger. Das Rad dreht sich un­weigerlich weiter zur dunklen Seite.
Die weibliche Kraft der Göttin erreicht zur Som­merson­nen­wen­de ihren Höhepunkt. Jetzt ist sie nicht mehr die ganz junge, mäd­chen­haf­te Frühlingsgöttin sondern wandelt sich in die reife Frau und wird damit zur Frucht­barkeit spendenden Er­näh­rerin und müt­terlichen Göttin. Voll erblüht regiert sie über den Sommer.

Es sind die großen Mut­ter­göttinnen, die zur Som­mer­sonnenwende geehrt werden – Göt­tin­nen, die Fülle und Über­fluss brin­gen. Sie ist aber auch eine ruhige und wissende Göt­tin, denn noch ist die Na­tur noch nicht so­weit, dass ge­erntet werden kann. Sie lehrt vor al­lem Ge­duld, dass das, was wir schon se­hen, spü­ren und er­ah­nen noch eine Zeit des Rei­fe­pro­zes­ses braucht, um wirklich gut zu sein.

So ist Juno, nach der der gesamte Monat Juni benannt ist, eine Schwellengöttin. Als Göttin der Eingänge, Durchgänge, Türen, als Per­so­ni­fi­ka­tion der Pfor­te hat sie zwei Ge­sich­ter und zwei Blick­rich­tun­gen: nach draußen auf die Geburt hin und nach innen auf den Tod. Das ist auch das Sym­bol für die­sen Wende­punkt im Jahr. Sie schaut zu Som­mer­be­ginn zurück auf all das, was gesät wur­de und ge­blüht hat und nach vor auf das, was zur Reife gelangt und damit schließ­lich auch wie­der ster­ben muss.
Juno zeigt sich jetzt von ih­rer ein­deutigsten Sei­te – sie ist nicht mehr das früh­lings­hafte Mäd­chen son­dern die jun­ge, starke, er­wachte Frau, die ihr gan­zes frucht­bares Som­mer­leben noch vor sich hat.
Sehr symbolträchtig ist auch Auxo. Die griechische Göttin ist eine der Horen, der Göt­tin­nen der Jahres­zei­ten und der natür­li­chen Ord­nung. Sie steht als Som­mer­göttin zwischen ihren bei­den Schwes­tern, der be­rau­schen­den Früh­lings­göttin Thallo und der Herbst- und Ernte­göttin Karpo. Auxo erfreut durch warme Som­mer­tage, doch sie lehrt auch Geduld.
Alles reift heran, doch es ist noch nicht reif, es ist noch nicht die Zeit der Ernte. Obwohl die Früchte schon am Baum leuch­ten und sich auf den Felder sich schon das Getreide im Wind wiegt. Das erinnert uns an viele andere Situa­tio­nen in unserem Leben: Das Un­geborene regt sich schon im Mut­ter­leib, das Konzept für das neue Projekt ist schon geschrieben, der Urlaub ist schon gebucht – doch es ist noch nicht so weit …
Wer jetzt ungeduldig wird, beißt in den sprich­wört­li­chen sau­ren Apfel.
Die gute Botschaft: Es gibt im Moment nichts zu tun. Die Dinge rei­fen von selbst heran, Auxo lehrt damit vor al­lem Frauen, die oft sehr un­ge­dul­dig sind und stän­dig etwas tun wollen, die Kunst des War­tens. Sie ist da­mit auch die Göt­tin der Ruhe. Es ist wie an einem ange­neh­men Som­mer­tag: Lehn‘ dich zurück und ge­nieße die Wärme und den warmen Som­merwind, den Auxo schenkt. Bald, wenn ihre Schwes­ter Karpo die Re­gent­schaft über­nimmt, gibt es wie­der viel zu tun. Jetzt kann dafür Kraft und Ruhe ge­sam­melt wer­den.
In diesem Sinne wünsche ich einen geruhsamen Sommerbeginn und viel Geduld bei allem, mit dem ihr gerade schwanger geht!
Andrea Dechant
Mehr Infos zu den erwähnten Göttinnen auf www.artedea.net
Mehr zu den Mythen, Rituale und Brauchtum sowie den Göttinnen des Sommerbeginn – im artedea-e-book: „Sommersonnenwende – Litha – Mittsommer: Das feurige Fest des Sommerbeginns“
Mit vielen Anregungen, diesen langen Tag und diese kurze Nacht magisch zu feiern.
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