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Das Ei als Ursymbol

Andrea Dechant
Ostern ist ganz eng mit dem Brauch verbunden, Eier zu färben, zu verstecken und zu suchen. Dieses Ursymbol der Weiblichkeit steht neben Küken, Hasen und neugeborenen Lämmern auch als Symbol für das Frühlingserwachen. Und so wurden auch vielen Frühlingsgöttinnen als Attribut das Ei zugeschrieben.
Klar ist: Das Ei gilt gilt seit jeher als Fruchtbarkeitssymbol. Das Ei als urweibliches Symbol ist präsent in unsere Osterbräuchen.

Eier als Boten der helleren Zeit

Da Vögel in der Winterzeit keine Eier legen, galt der Beginn des neuen Eierlegens als sicheres Zeichen für den Frühling, für die neu beginnende Fruchtbarkeit. Eine Henne z.B. legt nämlich dann Eier, wenn ihre Retina, also jener Teil des Auges, der das Licht einfängt, mehr als 12 Stunden am Tag von Licht stimuliert wird (heute wird im Winter mit künstlichem Licht nachgeholfen, früher konnten sich die Menschen nur im Frühling und Sommer von Eiern ernähren).

Und auch die Zugvögel kommen nun zurück und legen hier Eier. Das Fest des Frühlingsbe­ginns wurde früher auch Vogelfest genannt. Die Menschen gingen jeden Morgen hinaus um zu sehen, ob die Zugvögel schon angekommen waren. Wurden sie gesichtet, so konnte ausgiebig das Ende des Winters gefeiert werden.

Die früher nicht eingesperrten Hühner legten diese ersten Eier natürlich irgendwo in der Gegend ab, also blieb den Menschen nichts anderes übrig, als diese zu suchen. So ist vermutlich auch der Brauch des Eiersuchens entstanden. Junge Frauen bemalten diese ersten Eier rot, um ihre Fruchtbarkeit zu feiern. Dieser Brauch des Eierfärbens hat sich bis heute gehalten.

Wunderwerk Ei

Das Ei ist ja ein universelles Symbol. Lange bevor Menschen erkannt haben, dass auch der Urquell menschlichen Lebens in einem Ei besteht, kannten sie Vogeleier. Und diese haben eine besondere „Magie“.

Betrachten wir ein Vogelei von außen, dann ist es ein ovales Ding mit einer harten Schale. Doch ein wenig Wärme lässt in seinem Inneren neues Leben wachsen und aus einem scheinbar leblosen Ding entspringt neues Leben. Es wurde daher immer schon als Geschenk alles Weiblichen begriffen.

Seit Urzeiten sind die Menschen vom Ei fasziniert, denn die Schale umschließt ein komplettes Lebenserhaltungssystem. Es steht daher auch für das ganze Potential, das in ihm steckt und es ist damit auch Symbol für die aus dem Winterschlaf erwachende Natur.

In vielen Kulturen gibt es die Legende, dass zu Beginn aller Zeiten die Große Göttin das Weltenei bzw. gleich mehrere Eier gebar, das goldene Ei der Sonne legt, selbst einem Ei entstieg bzw. Eier hütete. Zahlreiche Göttinnen sind selbst einem Ei entschlüpft oder werden als das „Ur-Ei“ begriffen.

In manchen Überlieferungen heißt es, die Urmutter wärmte ein Ei zwischen ihren Brüsten und ließ es Jahrtausende reifen. Als sich die ersten Sprünge in der Schale zeigten, nahm es die Göttin behutsam und legte es ins große Dunkel. Dort sprang die Schale auf und heraus fiel die ganze Welt: Erde und Wasser, Tiere und Pflanzen. Und aus dem Dotter entstand die Sonne.

Und damit die Menschen sich an das große Werk der Schöpfungsgöttin erinnern, schlüpfen die ältesten Tierarten der Welt auch heute noch aus Eiern, den Urzellen allen Lebens.

Das Ei ist kein Grab

Im alten Ägypten, im antiken Griechenland und Rom wurden den Toten als Symbol für die Wiedergeburt Eier ins Grab gelegt. Im alten China wurden Eier als Zeichen der Wiedergeburt und als Dank für die neue Sonnenkraft bei den Frühlingsfesten geopfert.

Eier sind auch von christlichen Osterfeiern nicht wegzudenken, wobei in der biblischen Ostergeschichte Eier nicht erwähnt werden. Ein christlicher Erklärungsversuch zu den „heidnischen“ Ostereiern ist, dass das Ei etwas verborgen hält und damit wie ein verschlossenes Grab ist, in welchem Leben eingeschlossen ist. Damit soll die Beziehung zur Auferstehung Christi deutlich werden.

Doch das Ei hält Leben nicht wie ein Grab verschlossen, sondern birgt es einfach wie ein Ei! Das Ei ist der Ursprung des Lebens, ein „Wunderwerk“, das aus dem Weiblichen kommt – aus weiblichen Vögeln, Tieren, Menschenfrauen …

Zyklische Wiedergeburt oder einmalige Auferstehung?

Das Bemalen der Eier ist eventuell auch darauf zurückzuführen, dass die Menschen die Natur kopieren wollten und bei den Farben und Mustern von Wildvogeleiern Anleihe nahmen und diese als Vorbild für die Bemalung gedient haben könnten.

Wahrscheinlich ist auch, dass allerlei Orakel, Wunschs-Symbole und Segenszeichen auf die Eier gemalt wurden, die im Rahmen von Ritualen Bedeutung hatten.

Oder, dass damit geheime Botschaften und verschlüsselte Hinweise weitergegeben wurden. Das hat möglicherweise diesen Hintergrund:
Einer historisch nicht gesicherten Annahme zufolge, wollte die christliche Kirche die „heidnischen Frühlingsfeste“ mit ihren Weihen und Zeremonien verbieten und auch das Verschenken von Eiern als Zeichen der Fruchtbarkeit und Wiedergeburt der Natur unter Strafe stellen.

Denn lange vertrauten die Menschen auf die Kraft von Frühlingsgöttinnen – diese weibliche Kraft, die sich in den Zyklen der Natur so schön äußert. Die damit verbundenen Bräuche und Feiern passten patriarchalen Religionen natürlich so gar nicht ins Konzept.

Und so machte das Christentum aus der jährlichen zyklischen Wiedergeburt der Natur das einmalige Ereignis der Auferstehung des Gottessohnes, aus der periodischen Erlösung von Dunkelheit und Frost die dauernde Aussicht auf Erlösung von der Erbsünde.

Speziell in Zeiten der Inquisition wussten Frauen, dass sie bei ihren traditionellen Segens- und Weiheritualen sehr vorsichtig sein mussten, da die damit verbundenen Handlungen als Zeichen von Magie und „Hexerei“ angesehen werden konnten. Und damit für die Frauen höchste Lebensgefahr bestand.

Das könnte auch eine Erklärung für das Verstecken von Eiern sein. Um bei diesen Ritualen nicht entdeckt zu werden, wurden gesegnete und geweihte Eier möglicherweise nicht mehr persönlich verschenkt, sondern auf Feldern vergraben und versteckt und mussten daher gesucht werden.

Bildhafte Botschaften darauf können auch durchaus nicht nur als Segens-Symbole und Fruchtbarkeits-Wünsche, sondern auch als verschlüsselte Hinweise und Warnungen gedeutet werden.

Zölibatär lebende Männer und Fruchtbarkeitsrituale

Auch wenn es viele Verbote und Strafen gab, auch wenn die Scheiterhaufen brannten, konnte der Glaube und damit die Hoffnung an die Kraft der Natur von den christlichen Kirchenvätern nicht ausgelöscht werden.

Das alte Wissen war so tief verwurzelt, dass die Menschen immer Mittel und Wege fanden, ihre Traditionen aufrecht zu erhalten.

Daher versah die Kirche vielfach „heidnische“ Riten mit einer neuen christlichen Bedeutung. Dies auch, um die Konvertierung zu erleichtern. So erklären sich auch viele Bräuche rund um Ostern, dem wichtigsten Fest der Christenheit.

Statt also den Frauen zu verbieten, die ersten Eier, die die Hennen im neuen Jahr legen, auf ihre ganz besondere Art zu würdigen und damit die Fruchtbarkeit und die Rückkehr des Lebens zu feiern, wurde dieser Brauch vermutlich in die liturgischen Osterfeiern integriert, um damit auch die Frauen von ihren Kraftplätzen an den Quellen und in den Wäldern weg und hin zur Eier-Weihe in die Kirche zu locken.

Und damit weiht nun zu Ostern der Pfarrer die Eier, die Frauen in die Kirche tragen. Und macht damit das, was Frauen Jahrhunderte lang Kraft ihrer Weiblichkeit eigenständig in Frauenkreisen gemacht haben.

Besonders seltsam mutet diese durch ein zölibatär lebenden Mann vollzogenen Weihe-Rituale an, wenn man an den Fruchtbarkeits-Aspekt der alten Rituale denkt.

Interessanter Weise finden aber viele dieser österlichen Weihen, zu denen in ländlichen Gebieten ja auch heute noch vor allem die Frauen mit ihren mit Frühlingsblumen geschmückten Weihkörben gehen, oft nicht nur in der (Haupt-) Kirche des Ortes sondern bei Kapellen auf Hügeln und an Wegkreuzungen statt. Viele von diesen Kapellen stehen auf alten „heidnischen Kraftplätzen“.

Außer den Eiern finden sich in den Weihe-Körben vielfach auch Brot und Schinken, Butter, Salz und Kräuter, die in festliche weiß und rot bestickten Kreuzsticktüchern gewickelt sind, den Farben der jungen und der fruchtbaren Göttin.
Der Kreuzstich, das X ist immer ein Zeichen für Geburt. Bei der sich die Frau nach unten öffnet, um neues Leben gebären und sich mit der Erdkraft zu verbinden. Und dabei ihre Arme nach oben streckt, um in Verbindung mit den unterstützenden Geburtshelferinnen und auch mit der Kraft des Universums zu sein.

Das gegenteilige Zeichen zu dem Geburts-X ist das Kreuz , das den Tod symbolisiert.

Das oft exklusive Zusammentreffen von Frauen bei der Osterweihe, die Plätze und die Symbolik, die sich bis heute erhalten hat, lässt also immer noch die alten Weihe-Rituale der Frauen durchscheinen.
Rituale, die es Wert sind, in Frauenkreisen wieder neu belebt zu werden.

Der Tanz der Hasen

Und warum bringt eigentlich der Osterhase die Eier?

Menschen beobachteten, dass Hasen im Frühling auf den Feldern in großen Gruppen zu „tanzen“ scheinen. Und sie konnten – nachdem diese „Hasentänze“ vorbei waren – verschiedenste Eier auf den Wiesen finden. Daraus entwickelte sich die Geschichte vom Osterhasen, der die Eier bringt.

Heute weiß man, dass die Tänze der männlichen Hasen eigentlich Schaukämpfe um Weibchen sind. Weil es dabei durchaus wild zugeht, verscheuchen die Hasen dabei jene Wildvögel, die ihre Eier am Boden ausbrüten und diese bei ihrer Flucht natürlich zurücklassen müssen.

So, mit diesem Wissen wünsche ich allseits viel Freude beim Ostereier-Bemalen. Lasst euch eure eigenen Wunsch-Symbole und Segenszeichen einfallen. Und verschenkt sie nach altem Brauch an Frauen, denen ihr Fruchtbarkeit und die starke Kraft der zyklischen Erneuerung wünscht – in allen ihren Lebensbereichen.
Text von Andrea Dechant

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